Lesefutter

Belletristik

Lucía Puenzo, Die man nicht sieht

(Ü: Anja Lutter), Wagenbach 2018, 204 S.

„Die man nicht sieht“, das sind Ismael, Ajo und Enana. Noch halbe Kinder, sind sie das erfolgreichste Einbrechertrio von Buenos Aires. Ihre Streifzüge sind vorbereitet, ihre Auftraggeber kennen die Örtlichkeiten. Und dann reicht ein gekipptes Kellerfenster und die drei sind im Haus. Geklaut werden keine großen Dinge, sondern hier ein Schmuckstück, dort etwas Geld und immer so, dass es nicht auffällt. Festtage sind die, an denen noch Reste einer üppigen Mahlzeit rumstehen.

Doch dann werden die drei eines Tages nach Uruguay verschleppt. In den Strandhäusern der Reichen sollen sie auf Beutezug gehen und plötzlich ist das sympathische Trio großen Gefahren ausgesetzt.

Mit Spannung ist zu lesen, wie die drei der harten Realität ihre uneingeschränkte Freundschaft entgegensetzen.

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Francesca Melandri, Alle, außer mir

(Ü: Esther Hansen), Wagenbach 2018, 604 S.

Eines Tages steht vor der Tür Ilarias ein dunkelhäutiger junger Mann, der erzählt, er käme aus Äthiopien und wäre ein Enkel ihres Vaters Attilio. Sie versucht, die abenteuerliche Geschichte als Lügengespinst eines illegalen Einwanderers abzutun. Attilio kann dazu nichts mehr sagen, der inzwischen 97-Jährige ist stark dement. Als der junge Afrikaner nicht lockerlässt, beginnt Ilaria nachzuforschen. Sie stößt auf eine rassenideologische Schrift ihres Vaters aus den 1930er-Jahren und wir erfahren von den ungeheuerlichen Gräueltaten des italienischen Heeres, die unter Mussolini im damaligen Abessinien verübt wurden. Und tatsächlich hat Ilarias Vater einen Sohn mit einer afrikanischen Frau. Francesca Melandri ist ein großer Familienroman gelungen, der im heutigen Italien beginnt und einen weiten Bogen zur italienischen Kolonialgeschichte spannt.

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Alex Capus, Königskinder

Hanser 2018, 176 S.

Tina und Max sind ein Paar. In den großen Dingen des Lebens sind sie sich immer einig, kleine Streitereien gibt es über eher Nebensächliches. Eines Abends bleiben die beiden auf einer Passstraße in den Alpen im Schneesturm stecken. Eine ganze lange Nacht müssen sie in ihrem Auto ausharren und Max beginnt eine Geschichte zu erzählen. Während der französischen Revolution hat sich hier in dieser Gegend der Hirte Jakob in Marie verliebt, die Tochter eines reichen Bauern. Maries Vater schickt den jungen Mann an den Hof Ludwig XVI. Jakobs einziges Bestreben ist, irgendwann wieder zu seiner geliebten Marie zurückzukommen. Wahrheit und Fiktion verschwimmen in dieser Geschichte, aber ist das wichtig? Alex Capus hat die beiden Erzählstränge atmosphärisch dicht und gekonnt verknüpft und so ein wunderbares Winterbuch geschrieben.

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Sebastian Barry, Tage ohne Ende

(Ü: Hans-Christan Oeser), Steidl 2018, 262 S.

Ein irischer Autor schreibt einen großen amerikanischen Roman. Der fünfzehnjährige Thomas McNulty flieht vor dem „Großen Hunger“ aus Irland nach Amerika und trifft dort bald auf den zwei Jahre jüngeren John Cole, der seine große Liebe werden wird. Fortan erzählt der Ich-Erzähler Tom McNulty sein Leben an der Frontier als eine Art Simplicissimus an der Seite seines Geliebten inmitten von blutigen Indianerkriegen und dem erbarmungslosen Bürgerkrieg. Die beiden Jungs beginnen ihre Laufbahn als Tanzmädchen in Bergarbeiter-Saloons, verpflichten sich später der US-Armee, kämpfen gegen Indianer und Konföderierte und finden trotz aller Gewalt ihr Glück. Grenzenlose Liebe und ebensolche Gewalt können sich in einer Person finden.

Sebastian Barry erzählt die mitreißende Geschichte eines offen schwulen Lebens im Wilden Westen, kongenial übersetzt von Hans-Christian Oeser.

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Dina Nayeri, Drei sind ein Dorf

(Ü: Ulrike Wasel und Klaus Timmermann), Mare 2018, 368 S.

 Die junge Iranerin Nilou scheint alles erreicht zu haben, was sie sich erträumt hat. Als Kind floh sie mit ihrer Mutter in die USA, besuchte dort eine Eliteuniversität und lebt heute in Europa, bastelt an ihrer Karriere als Wissenschaftlerin und ist glücklich verheiratet. Wäre da nicht das schwierige Verhältnis zu ihrem Vater, diesem opiumsüchtigen, chaotischen alten Mann, der noch immer im Iran lebt. Und dann ist da noch ein Problem: Sie braucht, egal wo sie ist, eine kleine „Parzelle“, einen Raum, den nur sie betreten darf.

Als Nilou einige Exil-Iraner kennenlernt, mit ihnen gemeinsam kocht und ihren Geschichten lauscht, werden Kindheitserinnerungen und eine tiefe Sehnsucht wieder wach.

Dina Nayeri erzählt diese Geschichte mit einer wunderbaren Leichtigkeit und großer Empathie für ihre Figuren.

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Nino Haratischwili, Die Katze und der General

Frankfurter Verlagsanstalt 2018, 764 S.

Sie mögen dicke Bücher, voll mit vielen kleinen Geschichten in einer großen Erzählung? Das Ganze noch in einer wunderbar poetischen Sprache? Dann ist der neue Roman von Nino Haratischwili genau der Richtige. Schauplätze sind Berlin, Russland und Tschetschenien und es geht um das große Thema Schuld und Sühne.

Ein russischer Oligarch mit einer dunklen Vergangenheit im Tschetschenienkrieg, seine
tote Tochter, ein deutscher Journalist und eine junge Georgierin sind die Protagonisten in diesem Roman. Ihre wechselvollen Lebensgeschichten werden in vielen Rückblicken erzählt; geschickt führt uns die Autorin an immer neue Schauplätze und wechselt die historische Perspektive. Welch opulentes Werk, genau das Richtige für lange Winterabende!

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Max Annas, Finsterwalde

Rowohlt 2018, 356 S.

Deutschland, „relativ bald“. Die D-Partei regiert und Nicht-Biodeutsche werden in Lager gepfercht. So werden alle Schwarzen aus Berlin nach Finsterwalde deportiert, unter ihnen befinden sich auch die Ärztin Marie mit ihren Kindern Kodjo und Antoniette.
Ihre Wohnung in Berlin bezieht derweil der griechische Vertragsarbeiter Theo mit Frau und Kindern. Marie bricht mit ihrem Sohn und zwei Begleitern aus dem Lager Finsterwalde aus, um in Berlin zurückgebliebene Kinder zu retten. Dabei müssen sie sich durch Polizeisperren kämpfen und gegen Bürgerwehren und Neonazis wehren.

Max Annas’ dystopischer Roman ist eine finstere Zukunftsvision, gleichzeitig jedoch auch ein Appell für Widerstand und Zivilcourage, gegen Fremdenhass und Ausgrenzung.

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Christoph Hein, Verwirrnis

Suhrkamp 2018, 304 S.

Friedeward Ringeling lebt in den 1950er-Jahren in der thüringischen Kleinstadt Heiligenstadt. Dass er sich in Wolfgang verliebt hat, muss geheim bleiben, denn auch in der noch jungen DDR war Homosexualität unter Strafe gestellt. Vor allem darf Friedewards Vater nichts von dem Liebesverhältnis seines Sohnes erfahren, denn dieser „gute“ Katholik ist ein gewalttätiger Mann und züchtigt seine Kinder mit der Peitsche. Eine Scheinehe mit einer Freundin, die selbst in einer lesbischen  Beziehung lebt, erweckt einen Anschein von „Normalität“. Auch als die strafrechtliche Verfolgung Homosexueller aufgehoben wird, ändert sich nichts für die Protagonisten. Homophobie ist in der DDR, wie auch im Westen, weiter an der Tagesordnung. Schon immer hat Christoph Hein in seinen Büchern Ausgegrenzte der Gesellschaft in den Blick genommen.

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Paolo Cognetti, Acht Berge

(Ü: Christiane Burkhardt), Penguin 2018, 272 S.

Jeden Sommer fährt eine Mailänder Familie mit ihrem Sohn Pietro in ein kleines Bergdorf mit nur 14 Häusern. Der Vater ist ein begeisterter Bergsteiger und nimmt Pietro mit auf seine Touren im Monte-Rosa-Massiv. Der Junge wandert nur widerwillig, viel lieber spielt er mit Bruno, einem Gleichaltrigen aus dem Dorf. Mit ihm erkundet er die Umgebung und die verlassenen Häuser des Dorfes. Am liebsten würde er am Ende des Sommers seinen Freund mit in die Stadt nehmen, bis ihm irgendwann klar wird, dass die Stadt Bruno zerstören würde.

In einer wunderbar poetischen Sprache erzählt Paolo Cognetti von dem Zauber der Bergwelt und ihrer Natur, ohne dabei das Leben der Bergbewohner zu romantisieren. Aber es geht vor allem um die lebenslange Freundschaft zwischen dem Bauernsohn und dem Intellektuellen.

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Gusel Jachina, Suleika öffnet die Augen

(Ü: Helmut Ettinger), Aufbau 2018, 541 S.

 Suleikas Leben in der Sowjetunion der 1930er-Jahre besteht nur aus Gewalt und Arbeit auf einem Bauernhof. Wegen ihrer tartarischen Herkunft wird sie von ihrem sehr viel älteren Mann misshandelt und muss ihm und seiner Mutter unterwürfig dienen. Dann werden die drei von Bolschewiken überfallen, ihr Mann getötet und Suleika als Kulakin nach Sibirien deportiert. Während der endlosen Zugfahrt dorthin verändert sie sich. Aus dem völlig verängstigten Mädchen erwächst eine junge selbstbewusste Frau. Trotz widriger und menschenverachtender Bedingungen überlebt sie. Angekommen in Sibirien trägt sie entscheidend dazu bei, das Lager zu einem erträglichen Ort der Gemeinschaft zu machen, an dem auch Liebesbeziehungen möglich scheinen und Kinder geboren werden.

In diesem beeindruckenden Roman wird sehr glaubwürdig über Suleikas Schicksal und die russische Geschichte erzählt.

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