Alles muss sich ändern.
Aus der Jubiläumsbroschüre zum 30. Buchladengeburtstag 2008
Nach 23 Jahren waren plötzlich die Stufen weg, jene steilen drei Absätze, die seit 1978 hinabführten in die Osterstraße Nr. 156, vollgestopft bis unter die Decke mit gefährlich guter Literatur. Der Umzug auf die andere Straßenseite ebnete – im wahrsten Sinne des Wortes – den Weg für Kinderwagen schiebende Eimsbüttler Jungeltern in eine gewachsene Kinderbuchabteilung.
Wenige Wochen später stürzen in New York zwei Hochhäuser ein, die Osterstraße wird zur Sielbaustelle und die neue Währung wird Teuro getauft. Kaufzurückhaltung statt Schröder-Aufschwung. Neue Sortimentsbereiche entstehen, andere schmelzen zusammen. „Globalisierung“ und „Neue Kriege“ beanspruchen jetzt ihre Regalmeter, diverse feministische Buchreihen verschwinden vom Buchmarkt, stattdessen suchen Frauen den impotenten Mann fürs Leben oder pflegen ihr Moppel-Ich. Unser erster Kollege verabschiedet sich in den Unruhestand. Die zweite Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht sorgt für spannende Wochen, wichtige Debatten und Entspannung auf dem Buchladenkonto. Alte Männer sorgen derweil für Aufruhr im Blätterwald, fühlen sich von der „Moralkeule Auschwitz“ geschlagen, erinnern sich schwer zeitverzögert ihrer SS-Mitgliedschaft und schreiben nebenbei mittelprächtige Bücher.
Schwere Kataloge zum Bibliographieren werden ersetzt durch kleine silberne Scheiben. Googeln statt wissen wird zur neuen Option. Thalia pflastert die Republik flächendeckend mit Buchsupermärkten, gekauft wird, wer laut schreit, von Elke Heidenreich hochgehalten wird oder einen süßen Eisbären aufs Buchcover druckt.
Lange Jahre noch hält sich die Unterabteilung namens „BRD/DDR“ in unserem Reiseführerregal, mit deutlicher Verspätung wird auch sie den politisch-geographischen Realitäten angepasst. Modernisierungsschübe auch andernorts: ein professionell gestaltetes Logo ersetzt unsere alte Buchladen-Eule, Che Guevara lächelt von der Homepage-Baustelle, unsere Kasse steht nun auf einem Tresen aus Tischlermeisterhand. Lundia, die alte kesse Fichte, ist mit umgezogen und weiterhin gut gefüllt.
Denn es gibt sie noch, die schöne Literatur, die politisch wichtigen Titel, die kriminellen Geheimtipps und die besonderen Kinderbücher. Und die drei BuchhändlerInnen in der Osterstraße 171, die lesen und beraten. Gute alte Kunden mussten uns wegen Umzugs verlassen, nette neue haben den Buchladen für sich entdeckt. Nicht wenige sind uns seit über 30 Jahren treu geblieben. Mögen in Zukunft viele weitere Buchmenschen den Weg in diesen Eimsbüttler Traditionsbetrieb finden, denn: Alles muss sich ändern, damit alles so bleibt wie es ist (frei nach Giuseppe Tomasi di Lampedusa).


Wie alles begann.
Aus der Jubiläumsbroschüre zum 30. Buchladengeburtstag 2008
Erste Überlegungen zur Gründung des Buchladens in der Osterstraße gab es im Jahr 1976. Sie entstanden aus Kontakten und Diskussionen während des sogenannten Pfingstkongresses des SB (Sozialistischen Büros) in Frankfurt a.M., des Kongresses „Gegen politische Unterdrückung und ökonomische Ausbeutung“, basierten auf Erfahrungen, die aus den Aktivitäten in linken Gruppierungen wie dem SB, der Mitarbeit in der ESG (Evangelischen Studentengemeinde) und in studentischen Ad-hoc- und Arbeitsgruppen in Hamburg gemacht worden waren und resultierten aus der Beobachtung von Literaturvermittlung, die sich in Hamburg entweder darauf beschränkte, den studentischen Campus zu bedienen oder durch politische Entscheidungen die Auswahl der zu vermittelnden Literatur derart einzuengen, dass undogmatische, kritische, emanzipatorische Literatur aus den in jener Zeit entstehenden sozialen Bewegungen es schwer hatte, in diesen – auch linkspolitischen – Buchhandlungen zur Verbreitung zu kommen. Dieser sich selbst genügenden Literaturvermittlung wurde die Vorstellung entgegengehalten, einen stadtteilbezogenen Buchhandels- und Kommunikationstreff („Buchladen“) zu entwickeln, in dem die dort arbeitenden Menschen ihre politischen und ästhetischen Vorstellungen präsentieren und gleichzeitig in einen inhaltlichen Austausch mit den Nutzern des Buchladens treten konnten.

Ersteres bedeutete, die eigentliche „Buchhandlung“ des Projekts derart zu organisieren, dass die mit dem „Buchhandel“ betrauten Leute die dort als Ware für den Verkauf in Frage kommende Literatur inhaltlich beurteilen und sortieren konnten – der Laden sollte nicht über die Teilnahme an der Bestseller-Warenproduktion einschlägig bekannter Verlage zur Nebenstelle für deren Umsatzmaximierung werden.
Dieser Bereich des Projekts, die „Buchhandlung“, sollte die ökonomische Basis für das gesamte Unternehmen abgeben, d. h. sowohl für die laufenden Kosten wie Miete, Energie und weitere Kosten aufkommen als auch – und das war von vornherein Konsens – die Arbeit der in diesem Bereich Tätigen bezahlen.
Das zweite bedeutete, von außen herangetragene Anregungen politischer oder kultureller Initiativen aufzugreifen und die Initiativen in ihrer Arbeit unterstützten. Die Spannbreite der Unterstützungen reichte von der eigenen Teilnahme an subversiven Aktivitäten welcher Art auch immer bis zur logistischen und finanziellen Hilfe für die Öffentlichkeitsarbeit.
Als Organisationsform des Projekts wurde die GmbH gewählt, die im Geschäftsverkehr nach außen (mit den Verlagen) als auch in den Beziehungen nach innen als am besten geeignet angesehen wurde, um die bestehenden und noch entstehenden Beziehungen zu regeln. Alle in der Buchhandlung tätigen Genossen und Genossinnen sollten Mitglied der GmbH und auch gleichzeitig in deren Geschäftsführung einsteigen. Das 1977 bei der Gründung der GmbH einzuzahlende Kapital wurde zu einem großen Teil privat vorgeschossen, zum kleineren Teil durch Klein- und Kleinstkredite aus dem politischen Umfeld aufgebracht. Bereits nach dem ersten Geschäftsjahr begann die Rückzahlung dieser privaten und politischen Kredite, so dass nach einiger Zeit das privat ausgelegte GmbH-Kapital aus den erzielten Gewinnen der in der Buchhandlung geleisteten Arbeit abgelöst worden war. Für die in der Buchhandlung hauptberuflich Tätigen gab es von Anfang an einen Einheitslohn, der sich nach der formell geleisteten Arbeitszeit richtete und über dessen Höhe ein gemeinsamer Konsens hergestellt wurde.
An den organisatorischen Vorbereitungen, den handwerklichen Arbeiten in den Ladenräumen, den moralischen Unterstützungen waren viele (auch politische) Freunde und Freundinnen aus den Wohngemeinschaften, den Organisationen wie dem SB und auch (Geschäfts-) Nachbarn beteiligt. Deren namentliche Nennung ist hier im einzelnen nicht möglich – aber, merke ich gerade, wäre es auch an anderer Stelle nicht. Viele freundschaftliche und politische Beziehungen haben sich über die Zeit gelöst und die Namen sind in Vergessenheit geraten: Ein Tagebuch wurde nicht geführt. Beigestanden und kritisch beäugt haben das Unternehmen von Anfang an natürlich auch die – ach so bürgerlichen – Eltern.
Die Buchhandlung wurde zum 1. April 1978 von Christiane Bünz, Mario Meyer-Vernier und Peter Offenborn eröffnet.



