Lesefutter
Sachbuch
Maike Albath, Der Geist von Turin.
Pavese, Ginzburg, Einaudi und die Wiedergeburt Italiens nach 1943
Berenberg 2010, 189 Seiten
Früher war alles besser, denkt man unweigerlich nach der Lektüre von Maike Albaths Buch angesichts des gegenwärtigen halbseidenen Regierungschefs, der – flankiert von Neofaschisten und populistischen Schreihälsen – dabei ist, mittels Mediengleichschaltung, Justizgängelung und schmierigen Affären ein Land zu ruinieren.
„Der Geist von Turin“ ist der Versuch, an ein anderes Italien zu erinnern. Inmitten des italienischen Faschismus gründeten 1933 in Turin drei junge Intellektuelle – Giulio Einaudi, Leone Ginzburg und Cesare Pavese – einen Verlag, der für Jahrzehnte die literarische und politische Kultur Italiens mitbestimmen sollte. Die Literaturkritkerin Maike Albath lädt mit ihrem Buch dazu ein, große Autorinnen und Autoren wie Natalia Ginzburg, Cesare Pavese, Italo Calvino und Beppe Fenoglio neu- oder wiederzuentdecken. Ein wunderschöner Halbleinenband, nicht zuletzt auch in handwerklicher Hinsicht.
Sachbuch
Daniel Blatman, Die Todesmärsche 1944/45
Das letzte Kapitel des nationalsozialistischen Massenmords
Ü: Markus Lemke, Rowohlt 2011, 851 Seiten
Oftmals wurden die Todesmärsche, auf die die KZ-Häftlinge nach Auflösung der Konzentrationslager geschickt wurden, in der Forschung lediglich als Epilog zu NS-Vernichtungspolitik wahrgenommen. Der israelische Historiker Daniel Blatman hat diese mörderische Endphase des NS-Regimes nun explizit unter die Lupe genommen. Auf Grundlage einer breiten Quellenbasis kommt er zu erschreckenden Ergebnissen. Überall in Deutschland und Österreich zogen die Häftlingskolonnen durchs Land. Die „normale“ Bevölkerung konnte nicht mehr an ihnen vorbei sehen. Sie konnte helfen – was selten geschah – oder mitmorden. „Zebras schießen“ nannten in den Dörfern verbliebene Volkssturmmänner und HJ-Angehörige ihre Mordtaten. Mehr als ein Drittel der ca. 700 000 Gefangenen überlebte die Todesmärsche nicht. Daniel Blatman hat ein erhellendes und verstörendes Werk über die Zeit des moralischen Chaos vorgelegt. Unbedingt lesenswert!
Sachbuch
Mike Davis, Eine Geschichte der Autobombe
Ü: Klaus Viehmann, Assoziation A 2007, 232 Seiten
„‚Eine Geschichte der Autobombe’ ist mit Sicherheit das perfekte Buch, um auf Flugreisen seinen Sitznachbarn nachhaltig zu beunruhigen”. So begann Adrian Kreye seine lobende Rezension in der Süddeutschen Zeitung. Man kann nach der Lektüre hinzufügen: Es ist mit Sicherheit auch das perfekte Buch, um die Fans verschiedenster so genannter Befreiungsbewegungen zum Nachdenken zu bewegen. Der amerikanische Soziologe Mike Davis beschreibt nüchtern und chronologisch die technische und politische Entwicklungsgeschichte der „Luftwaffe des kleinen Mannes”. Eine mit Eisenschrott beladene Pferdekutsche, die 1920 in der Wall Street explodierte, stand am Anfang einer bis heute andauernden Serie von Anschlägen. Die Täter wechseln von IRA und Vietcong zur ETA, von kolumbianischen Drogenbaronen und der Mafia bis zu selbsternannten Gotteskriegern. Davis’ durch zahlreiche Statistiken angereichertes Buch ist eine erschreckende Chronologie der Gewalt mit dem Fazit, dass eine Waffe, die den Tod von Passanten systematisch in Kauf nimmt oder gezielt verfolgt, „letzen Endes eine an sich faschistische Waffe ist”.
Sachbuch
Hans-Ulrich Dillmann/Susanne Heim, Fluchtpunkt Karibik
Jüdische Emigranten in der Dominikanischen Republik
Links Verlag 2009, 190 Seiten
Die Dominikanische Republik wird meistens nur mit Sonne, Palmen, Sandstrand und Karibiktraum für Pauschaltouristen in Verbindung gebracht. Dass es auf der Insel in den Jahren zwischen 1940 und 1945 ein großes Siedlungsprojekt für deutsche Juden gab, ist dagegen kaum bekannt. Trujillo, der damalige Diktator der Karibikrepublik, war zwar ein großer Bewunderer Hitlers, wollte aber in seinem Land den Anteil der weißen Bevölkerung vergrößern. Im Gegensatz zu vielen anderen Regierungen erklärte er sich bereit, 100.000 verfolgten Juden Zuflucht zu gewähren. Warum letztendlich lediglich ca. 500 Menschen diese Möglichkeit des Exils gewählt haben, was aus ihnen und dem Siedlungsprojekt nach Kriegsende geworden ist, beschreiben Hans-Ulrich Dillmann und Susanne Heim. Gespräche mit Zeitzeugen und Fotomaterial geben einen anschaulichen Einblick in diesen Teil deutscher Exilgeschichte.
Sachbuch
Douwe Draaisma, Die Heimwehfabrik.
Wie das Gedächtnis im Alter funktioniert
Ü: Verena Kiefer, Galiani 2009, 171 Seiten
Manchmal treten Erinnerungen ganz unwillentlich auf: spontane, ungebetene, positive Erinnerungen, die vielleicht jahrelang verschüttet gewesen sind. In der Psychologie geht es dann um den Reminiszenzeffekt und den beschreibt Douwe Draaisma. Er erzählt gut unterhaltend sein Forschungswissen und untermalt es mit Fallbeispielen. Der Versuch, sich zukünftig an meist banale Handlungen bestimmt „erinnern“ zu wollen, fällt im Alter schwerer, während die konkreten Erinnerungen aus Kindheit und Jugend zunehmen. Konzentrationsstörungen, das Vergessen von Namen oder Wörtern, sind jedoch kein Symptom des Alters; den Kampf gegen das Vergessen führen wir unser Leben lang, nur verlieren wir ihn im Alter öfter und das merken wir dann.

