Lesefutter
Kinder- und Jugendbuch
Anne-Laure Bondoux, Die Zeit der Wunder
Ü: Maja von Vogel, Carlsen Verlag 2011, 189 Seiten
Im Kaukasus der 1990er Jahre herrschen Krieg, Hunger, Vertreibung, Gewalt. Der Junge Koumail und Gloria, die seine Mutter sein könnte, sind - wie so viele andere Menschen auch - auf der Flucht. Zwar finden sie immer wieder Zufluchtsorte, wo sie sich eine Zeit lang ausruhen können, aber die Sicherheit ist trügerisch. Stets müssen sie weiter und sie wollen nach Frankreich, in das Land der Menschenrechte.
Es ist eine sehr abenteuerliche Geschichte, die Gloria Koumail erzählt: Sein eigentlicher Name sei Blaise Fortune und er sei Bürger der Französischen Republik. Bei einem Eisenbahnunfall wurde er von seiner Mutter getrennt, aber Gloria konnte ihn retten. Allabendlich muß diese Geschichte wiederholt werden, muß sich der Junge seiner Herkunft versichern. Aber stimmt sie wirklich?
Davon wird in diesem wunderbaren Buch in einem unsentimentalen Ton erzählt. Die Geschichte ist schonungslos und traurig: Sie handelt von Anschlägen, Toten, Armut, Angst und Verzweiflung. Gleichzeitig ist sie unglaublich positiv, wenn es um Freundschaft, Vertrauen und tiefe Gefühle geht. Besonders eindrucksvoll ist sie, wenn sich Koumail aus seinem Fluchtalltag in eine glückliche Zukunft träumt, und wenn Gloria ihre Begabung ausspielt, trotz aller Widrigkeiten Hoffnung und Zuversicht auszustrahlen, um den Weg - auch wenn es ein Fluchtweg ist - immer weiterzugehn.
In Zeiten, in denen Kinder und Jugendliche durchaus mit Kriegen, konfrontiert werden, dürfen und sollten Bücher dieses Thema ihren LeserInnen zumuten. Vor allem, wenn es Zeit und Raum für Wunder bietet.
Für LeserInnen ab 12 Jahren
Kinder- und Jugendbuch
Martin Baltscheit/Ulf K., Felline.
Professor Paul und der Chemiebaukasten
Tulipan 2007, 43 Seiten
Wer kennt das nicht: Man wünscht sich etwas ganz doll und bekommt „etwas ähnliches”. Genau das passiert Paul. Sein größter Wunsch war ein Hund, der sollte groß und beeindruckend sein, und dann schenkt ihm Tante Elke ein kleines weißes Hündchen mit braunen Punkten und dem peinlichen Namen Felline. Glücklicherweise hat Paul einen Chemiebaukasten und nach einigen Fehlversuchen schafft er es, den kleinen Pinscher in einen großen, schwarzen, gefährlichen Hund zu verwandeln. Aber dann gehen die Probleme los: Die ganze Stadt wird in Angst und Schrecken versetzt und Paul muss Felline einfangen. Ein überaus vergnügliches Buch mit großartigen Illustrationen des Comiczeichners Ulf K. und geeignet ab 7 Jahre.
Kinder- und Jugendbuch
Clay Carmichael, Zoë
Ü: Birgitt Kollmann, Hanser 2011, 254 Seiten
Ein eigensinniges Mädchen, ein wilder Junge, eine streunende Katze und ein Mann, der mit dem Feuer spielt, das ist das Personal in dem Debütroman von Clay Carmichael. Zoë ist ein scharfsinniges, wildes Mädchen, das sich lieber auf sich selbst als auf andere verläßt. Nach dem Tod ihrer Mutter wird sie von ihrem Onkel Henry adoptiert. Henry, eigentlich Arzt, ist ein bekannter Künstler, menschenscheu und eigensinnig. Ganz allmählich kann Zoë Vertrauen fassen zu ihrem Onkel, zu dessen warmherzigen Freunden Fred und Bessie, zu Maud, die eigentlich ihre Großmutter ist, zum Sheriff und dem Pastor. Zoë entdeckt eine leerstehende, geheimnisvolle Hütte im Wald und sie begegnet einem Jungen, der im Wald lebt und mit einem weißen Reh unterwegs ist. Ein spannendes Buch über ein ganz besonderes Mädchen, mit sehr eigenen, bisweilen kauzigen Menschen, lesenswert nicht nur für Kinder und Jugendliche ab 12 Jahre.
Kinder- und Jugendbuch
Bibi Dumon Tak, Eisbär, Elch und Eule. Von Schnee- und Eisbewohnern
illustriert von Martijn van der Linden
Ü: Meike Blatnik, Bloomsbury 2011, 137 Seiten
Bibi Dumon Tak nimmt in ihrem neuen, etwas anderen Tierbuch ihre LeserInnen mit auf die Reise zu den Schnee- und Eisbewohnern von Nord- und Südpol. Mitgenommen werden aber nur diejenigen, die wahre Kälte von minus 20 Grad aushalten können. Dort lernt man Tiere mit erstaunlichen Fähigkeiten kennen, denn es ist nicht leicht, bei arktischen Temperaturen zu überleben. Die Schnee-Eule hat das dickste Federkleid, der Kaiserpinguin ist das mutigste Tier der Welt, Wölfe sind fantastisch, weil sie zwölfstimmig singen können und ein Rentier hat schlotternde Knie. Noch für zwanzig weitere Tiere aus der Kälte werden tolle und witzige Informationen geliefert. Apropos Rentier: Das berühmteste, das den Schlitten vom Weihnachtsmann zieht, ist ein Mädchen, denn kein männliches Rentier trägt im Winter ein Geweih. Für Menschen ab 8 Jahre.
Kinder- und Jugendbuch
Hilde Domin, Die Insel, der Kater und der Mond auf dem Rücken
Illustriert von Alexandra Junge
Fischer Schatzinsel 2009, 63 Seiten
Zum 100. Geburtstag der Lyrikerin Hilde Domin fasst der Fischer Verlag drei ihrer Kater-Geschichten zusammen – Geschichten aus dem Exil in der Dominikanischen Republik. Erzählt wird von Kater Gogh. Er ist nicht wie andere Katzen, denn ihm fehlt ein Ohr und wird allein deswegen für einen Verbrecher gehalten. Er soll das Huhn des Nachbarn getötet haben. Und obwohl alles für seine Unschuld spricht, wird er weiterhin für eine gemeingefährliche Katze gehalten. Die Lage spitzt sich zu. Erst die mutige Zeugenaussage der Köchin Ophelia spricht ihn frei. Die Geschichte ist ein Plädoyer dafür, den eigenen Gefühlen und Urteilen zu vertrauen, anstatt die Vorurteile und Verdächtigungen der Anderen zu übernehmen. Eine poetische Geschichte über Freundschaft und die Verteidigung der Wahrheit, über Mut und Solidarität.

